Wiederkauverhalten
Erhöhung der Pansenkapazität
Während der Pansen bei der Geburt nur etwa 30 Prozent des gesamten Magenvolumens ausmacht, nimmt er bei einem ausgewachsenen Wiederkäuer rund 80 Prozent ein. Daher ist es besonders in der Phase vor dem Absetzen entscheidend, dass die Pansenkapazität rasch zunimmt.
Die Zunahme der Kapazität hängt vor allem von der physikalischen Struktur des Futters ab. Dabei ist sie von der Entwicklung der Pansenpapillen zu unterscheiden. Die Fütterung von voluminösem Futter wie Grünfutter oder strukturreichem Raufutter fördert die muskuläre Entwicklung der Pansenwand. Dadurch wird eine funktionelle Pansenmotorik ausgebildet, die die Erweiterung der Pansenkapazität unterstützt.
Die Pansenmotorik kann experimentell über Pansenkontraktionen und den Pansendruck gemessen werden. Da diese Parameter auf landwirtschaftlichen Betrieben nur schwer kontinuierlich erfasst werden können, ist die Beobachtung des Wiederkauens ein praktischer Indikator für eine erfolgreiche Pansenentwicklung.
Kälber, die früh mit dem Wiederkauen beginnen, zeigen sowohl eine höhere Kraftfutteraufnahme als auch ein besseres allgemeines Wohlbefinden.
Vom Saugkalb zum Wiederkäuer
Die Entwicklung des Wiederkauverhaltens ist ein entscheidendes Schlüsselereignis im Leben eines Kalbes. Da die Pansenfunktion direkt nach der Geburt noch nicht ausgereift ist, werden Neugeborene zunächst als Monogastrier eingestuft. Doch ab wann ist der Pansen tatsächlich funktionsfähig?
Eine detaillierte Studie mit Holstein-Kälbern, die ausschließlich mit Kraftfutter und Milch ernährt wurden, zeigt: Bei etwa der Hälfte der Tiere tritt das erste Wiederkauen zwischen dem 15. und 20. Lebenstag auf. Dieser Entwicklungsschritt ist ein faszinierender Indikator für die Gesundheit der Kälber, denn die Daten belegen dies eindeutig. Je früher ein Kalb mit dem Wiederkauen beginnt, desto mehr festes Starterfutter nimmt es bis zum 30. Lebenstag auf.
Quelle: Wang, S. et al., 2022. Development of ruminating behavior in Holstein calves between birth and 30 days of age. J. Dairy Sci., 105: 572-584.
Der Zeitpunkt: Wann beginnen Kälber zu wiederkauen?
- Durchschnittsalter: Im Durchschnitt beginnt das erste Wiederkauen (Alter beim ersten Wiederkauen; engl. Age of First Rumination, AFR) nach 17,6 Tagen.
- Zeitspanne: Es gibt eine große individuelle Variabilität: Die frühesten Kälber begannen bereits mit neun Tagen, die spätesten erst mit 28 Tagen. Bei der Mehrheit (50 %) der Tiere lag der Wiederkau-Beginn zwischen dem 15. and 20. Lebenstag.
- Kein Geschlechtsunterschied: Zwischen männlichen und weiblichen Kälbern konnten keine signifikanten Unterschiede festgestellt werden.
Altersverteilung beim ersten Wiederkauen von Kälbern
Quelle: Wang, S. et al., 2022. Development of ruminating behavior in Holstein calves between birth and 30 days of age. J. Dairy Sci., 105: 572-584.
Der „Frühstarter“-Vorteil
Ein früherer Beginn des Wiederkauens steht in engem Zusammenhang mit einer besseren Entwicklung und Gesundheit.
- Höhere Futteraufnahme: Kälber mit einem frühen Wiederkau-Beginn nahmen bis zum 30. Tag insgesamt mehr Kraftfutter auf.
- Längere Wiederkauzeiten: Tiere, die früh mit dem Wiederkauen (AFR) begannen, hatten auch mit 25 bzw. 30 Tagen deutlich längere tägliche Wiederkauzeiten.
- Weniger Verhaltensauffälligkeiten: Ein früheres Alter beim ersten Wiederkauen ging mit einer kürzeren Dauer von nicht-nutritivem Oralverhalten einher.
Einflussfaktoren auf den Beginn
- Einstreu-Aufnahme: Es besteht eine starke positive Korrelation zwischen dem ersten Fressen von Einstreu (Stroh) und dem ersten Wiederkauen. Kälber, die früh Stroh fressen, beginnen auch früher mit dem Wiederkauen.
- Sättigung durch Kraftfutter: Interessanterweise korrelierte eine sehr hohe Kraftfutteraufnahme vor dem ersten Wiederkauen mit einem späteren Wiederkau-Beginn (AFR).
Wiederkauen und Tierwohl
- Verhaltensänderung mit 16 Tagen: Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Stehzeit der Kälber am 16. Tag – kurz vor dem durchschnittlichen AFR (Alter beim ersten Wiederkauen) – einen Wendepunkt erreicht und anschließend stabil bleibt.
- Indikator für Wohlbefinden: Da Kälber fast ausschließlich im Liegen wiederkäuen, gilt das Wiederkauverhalten als guter Indikator für ihr Wohlbefinden. Zwischen dem 16. und 30. Tag bestand eine negative Korrelation zwischen Stehen und Wiederkauen. Je mehr ein Kalb wiederkäute, desto mehr Zeit verbrachte es in der regenerativen Liegeposition.
Praktische Empfehlung der Autoren
Obwohl die Kälber in der Studie ausschließlich Milch und Kraftfutter erhielten, beobachteten die Forscher, dass die Tiere mangels Alternative bereits nach durchschnittlich 6,4 Tagen begannen, ihre Stroheinstreu zu fressen. Da Stroh nur einen geringen Nährwert hat, empfehlen die Autoren, neugeborenen Kälbern gezielt eine gewisse Menge Heu anzubieten. Dies unterstützt die physiologische Pansenentwicklung, das Wiederkauen und das natürliche, instinktive Fressverhalten.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Das erste Wiederkauen ist ein entscheidender Marker für die Entwicklung des Pansens. Ein früher Beginn fördert die Futteraufnahme und verringert das Risiko von Verhaltensstörungen. Auslöser ist dabei die Aufnahme von strukturiertem Material wie Einstreu oder Heu.