Warum ist die Pansenentwicklung beim Kalb so wichtig?
Ein neugeborenes Kalb ist zwar als Wiederkäuer geboren, funktioniert aber zunächst wie ein Tier mit nur einem Magen. Pansen, Netzmagen und Blättermagen sind bei der Geburt zwar angelegt, aber noch nicht arbeitsfähig. Der Labmagen übernimmt die gesamte Verdauungsarbeit – genau wie bei einem Schwein.
Das Ziel der Kälberaufzucht ist es, dieses Kalb in einen funktionierenden Wiederkäuer zu verwandeln. Je besser und früher das gelingt, desto gesünder, leistungsfähiger und wirtschaftlicher wird das Tier. Die Pansenentwicklung ist dabei der entscheidende Schlüssel.
Verteilung des Wachstums von der Geburt bis zur ersten Kalbung
Holstein-Färsen: Verteilung von Widerristhöhe und Körpergewicht über 24 Monate
Die alleinige Erfassung des Gewichts ist kein verlässlicher Indikator für die Entwicklung von Kälbern und Färsen. Die Entwicklung der Körpergröße ist ebenso wichtig, wenn nicht sogar entscheidender.
Das größte Potenzial für eine Zunahme der Körpergröße haben Färsen in den ersten sechs Lebensmonaten. Die Entwicklung des Pansens in diesem Stadium ist ein äußerst wichtiger Prozessschritt.
Wenn der Pansen nicht ausreichend entwickelt ist und seine Fähigkeit, Nährstoffe zu vergären und aufzunehmen, nicht dem Normalzustand entspricht, ist es später schwierig, diesen Rückstand aufzuholen.
In den ersten sechs Lebensmonaten werden die Weichen gestellt:
der gesamten Körpergrößenzunahme
der gesamten Gewichtszunahme
In den ersten sechs Lebensmonaten findet das strukturelle Wachstum seinen Höhepunkt. In dieser Zeit erreichen Kälber die höchste Futterverwertung ihres gesamten Lebens. Jeder Euro, der in dieser Phase in eine intensive Tränkephase und in hochwertiges Starterfutter investiert wird, zahlt sich später aus. Das Resultat ist ein niedrigeres Erstkalbealter (was Aufzuchtkosten spart) und eine höhere Lebensleistung.
Quelle: Kertz, A. F., Barton, B. A. & Reutzel, L. F., 1998. Relative Efficiencies of Wither Height and Body Weight Increase from Birth Until First Calving in Holstein Cattle. J. Dairy Sci. 81:1479–1482.
Der Wechsel der Energie- und Nährstoffquelle
In den ersten Lebenswochen gewinnt das Kalb seine Energie vorwiegend aus Milchzucker und Milchfett. Diese werden im Labmagen und im Dünndarm enzymatisch verdaut. Während dieser Phase funktioniert das Kalb physiologisch noch weitgehend wie ein Monogastrier, da seine Vormägen kaum entwickelt sind. Erst im Verlauf der ersten Lebenswochen entwickelt sich die Fähigkeit zur Fettverdauung vollständig, unter anderem durch den Aufbau der Produktion von Pankreaslipase.
Mit der Aufnahme von Festfutter und mit zunehmendem Alter beginnt sich das Vormagensystem zu entwickeln. Gleichzeitig nimmt die Aktivität des Enzyms Laktase im Dünndarm allmählich ab. Dadurch sinkt die Bedeutung der intestinalen Verdauung von Milchbestandteilen gegenüber der mikrobiellen Fermentation im Pansen.
Im Zuge dieser Entwicklung verlagert sich die Energiegewinnung schrittweise von der enzymatischen Verdauung im Dünndarm zur mikrobiellen Fermentation im Pansen. Beim ausgewachsenen Wiederkäuer fermentieren Mikroorganismen das aufgenommene Rau- und Kraftfutter im Pansen. Dabei entstehen vor allem Essigsäure, Propionsäure und Buttersäure, also flüchtige Fettsäuren, die die Hauptenergiequelle der Tiere darstellen.
Für die Praxis bedeutet dies:
- Ein früher Zugang zu Kraftfutter (Starter) ab der ersten Lebenswoche fördert die mikrobielle Besiedlung des Pansens und unterstützt somit die Entwicklung des Vormagensystems.
- Beim mikrobiellen Abbau der im Starter enthaltenen Stärke entstehen flüchtige Fettsäuren, darunter insbesondere Buttersäure. Diese stimuliert die Entwicklung der Pansenpapillen. Die vergrößerten Papillen vergrößern die Resorptionsoberfläche der Pansenwand, sodass die gebildeten Fettsäuren effizient als zentrale Energiequelle aufgenommen werden können.
- Für diese Entwicklung reicht Raufutter (z. B. Heu oder Stroh) allein jedoch nicht aus. Bei dessen Fermentation entsteht überwiegend Essigsäure, die die Pansenpapillen deutlich weniger stimuliert als die beim Abbau von Stärke entstehende Buttersäure.
- Dennoch erfüllt Raufutter eine wichtige Funktion für die strukturelle und funktionelle Entwicklung des Pansens: Die enthaltenen Fasern fördern den muskulären Aufbau der Pansenwand und der Pansenpfeiler. Zudem regen sie die Pansenmotilität und die Wiederkauaktivität an. Diese mechanischen Reize sind entscheidend für die Durchmischung des Panseninhalts und den Abtransport der bei der Fermentation entstehenden Gase.
- Für eine optimale Entwicklung des Vormagensystems ist eine Kombination aus energiereichem Starterfutter zur Förderung der Papillenentwicklung und strukturreichem Raufutter zur Unterstützung der Pansenaktivität erforderlich.
Den Absetzknick vermeiden
Als „Absetzknick" wird der Leistungseinbruch bezeichnet, der häufig nach dem Absetzen von der Milch auftritt. Das Kalb verliert dadurch seine leicht verfügbare Energiequelle, den Milchzucker. Wenn der Pansen zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausreichend entwickelt ist, kann das Tier die Lücke nicht schließen.
Typische Folgen eines schlecht vorbereiteten Absetzens sind:
- Einbruch der täglichen Zunahmen,
- erhöhte Krankheitsanfälligkeit durch Energiemangel,
- Wachstumsverzögerungen, die sich über Wochen hinziehen.
Entscheidend ist nicht das Alter des Kalbes, sondern die Menge an Festfutter, die es vor dem Absetzen zuverlässig aufnimmt.
Prägung in den ersten Lebenswochen
Die Forschung zeigt immer deutlicher, dass die Nährstoffversorgung in den ersten Lebenswochen die spätere Leistungsfähigkeit eines Tieres nachhaltig beeinflusst. In diesem Zusammenhang sprechen Fachleute von „metabolischer Programmierung".
Frühe Unterschiede in der Fütterung können über sogenannte epigenetische Mechanismen die Aktivität bestimmter Gene verändern, ohne die DNA selbst zu modifizieren. Diese Veränderungen können ein Leben lang bestehen bleiben.
Wissenschaftliche Studien belegen:
- Kälber, die vor dem Absetzen eine hohe Starteraufnahme zeigen, weisen höhere tägliche Zunahmen auf.
- Diese Wachstumsvorteile im Kälberalter sind wiederum darauf zurückzuführen, dass sich die Milchdrüse besser entwickelt und die Milchleistung in der ersten Laktation höher ist.
- Eine gut entwickelte Pansenflora fördert langfristig die Futtereffizienz und die Stoffwechselstabilität.
Kurz gesagt: Was in den ersten Lebenswochen versäumt wird, lässt sich später kaum noch aufholen. Eine frühe Investition in die Pansenentwicklung ist somit eine Investition in die Lebensleistung des Tieres.
