Absetzreife: Warum sich Warten lohnt

Wer Kälbern mehr Zeit gibt, investiert in gesündere Kühe mit höherer Lebensleistung

Das Absetzen von der Milchtränke ist einer der kritischsten Momente in der Kälberaufzucht — und einer der häufigsten Fehlerquellen. Denn der Übergang gelingt nur, wenn der Pansen des Kalbes bereit ist, die Nährstoffversorgung vollständig über festes Futter zu übernehmen. Das Problem: Von außen lässt sich nicht erkennen, wie weit die Pansenentwicklung tatsächlich fortgeschritten ist.

Wird zu früh abgesetzt, zeigt sich das schnell. Das Kalb kann Trockenfutter nicht effizient verwerten, die Nährstoffaufnahme reicht nicht aus — und es kommt zum typischen Wachstumsknick nach dem Absetzen. Ein Einbruch, der sich mit dem richtigen Absetztermin vermeiden ließe.

Doch woran erkennt man, ob ein Kalb die Absetzreife erreicht hat? In der Praxis werden verschiedene Kriterien herangezogen — aber wie verlässlich sind sie wirklich?

Empfohlen

Kraftfutteraufnahme - kumulative Aufnahme

Die kumulative Aufnahme von 15 Kilogramm Nicht-Faser-Kohlenhydraten (NFC) gilt als das verlässlichste Kriterium für ein sicheres Absetzen. Diese NFC stammen hauptsächlich aus dem Kraftfutter in Form von Stärke und Zucker. Im Pansen werden sie zu flüchtigen Fettsäuren vergoren, welche das Wachstum der Pansenwand stimulieren.

Bei einem herkömmlichen Starterfutter mit einem NFC-Gehalt von 50 bis 55 Prozent muss ein Kalb somit insgesamt 27 bis 30 Kilogramm fressen, um auf die geforderten 15 Kilogramm reine NFC zu kommen.

Ist dieser Schwellenwert erreicht, lässt sich daraus direkt ableiten, dass der Pansen ausreichend entwickelt ist, sich eine funktionierende Mikroflora etabliert hat und das Kalb nach dem Wegfall der Milch genügend Energie aus festem Futter gewinnen kann.

Allerdings ist dieses Kriterium nur dann ein wirklich sicherer Indikator, wenn die Starteraufnahme im Betrieb auch tatsächlich individuell gemessen wird — und genau das ist in der Praxis oft nicht der Fall.

Bedingt

Kraftfutteraufnahme - punktuelle Aufnahme

In der Praxis wird häufig empfohlen, ein Kalb abzusetzen, wenn es an drei aufeinanderfolgenden Tagen jeweils mindestens 1,5 Kilogramm Kälberstarter aufgenommen hat. Dieses Kriterium hat gegenüber Alter, Gewicht und Körpergröße den entscheidenden Vorteil, dass es sich direkt auf die Futteraufnahme und somit auf die Pansenentwicklung bezieht.

Dennoch greift es zu kurz. Eine Momentaufnahme über drei Tage bildet nicht ab, wie viel Starter das Kalb insgesamt aufgenommen hat. Ein Kalb, das über Wochen hinweg kaum Kraftfutter gefressen hat und erst kurz vor dem Absetzen eine Tagesmenge von 1,5 kg erreicht, erfüllt zwar das Kriterium, hat insgesamt jedoch deutlich weniger Nicht-Faser-Kohlenhydraten (NFC) aufgenommen als ein Kalb, das über Wochen hinweg stetig steigende Mengen gefressen hat. Die Pansenentwicklung beider Kälber kann sich trotz gleicher Tagesaufnahme erheblich unterscheiden.

Zudem fehlt der Bezug zur Futterqualität. So enthält beispielsweise eine Menge von 1,5 kg eines stärkereichen Starters eine andere Menge an NFC als eine Menge von 1,5 kg eines rohfaserbetonten Futters. Ohne Berücksichtigung der Futterzusammensetzung bleibt die Aussagekraft begrenzt.

Als alleiniges Absetzkriterium ist die punktuelle Aufnahme daher nicht ausreichend. In Kombination mit der kumulativen Starteraufnahme kann sie jedoch ein nützlicher, ergänzender Hinweis sein, beispielsweise als Signal dafür, dass sich das Kalb in der letzten Phase vor dem Absetzen befindet.

Unzureichend

Körpergewicht

Ein hohes Körpergewicht ist kein Beweis für einen funktionsfähigen Pansen. Durch eine intensive Milchfütterung können Kälber hervorragend wachsen, ohne dass sich ihr Pansen dabei nennenswert entwickelt. Ein Kalb kann schwer sein und äußerlich gesund wirken — und dennoch einen Pansen mit glatter Oberfläche ohne funktionale Papillen besitzen, weil es kaum Kraftfutter aufgenommen hat.

Hinzu kommt ein messtechnisches Problem: Der Mageninhalt verfälscht das Ergebnis. Insbesondere bei der Fütterung von Raufutter wie Heu oder Stroh füllt sich der Pansen stark. Diese Füllung wird als Gewichtszunahme erfasst, obwohl es sich lediglich um unverdaute Ballaststoffe handelt. Es findet weder echtes Gewebewachstum noch eine verbesserte Verdauungskapazität statt.

Unzureichend

Körpergröße

Auch das äußere Erscheinungsbild kann täuschen. Raufutter dehnt den Pansen und vergrößert sein Volumen, wodurch der typische „Hängebauch” entsteht. Dadurch wirkt das Kalb größer und kräftiger, obwohl keine neue Absorptionsfläche in Form von Papillen entstanden ist.

Unzureichend

Alter

Die Entwicklung der Pansenschleimhaut ist zwar fütterungs-, aber nicht altersabhängig. So können zwei gleich alte Kälber je nach Futteraufnahme einen völlig unterschiedlichen Entwicklungsstand aufweisen. Das Alter taugt daher allenfalls als grober Richtwert. Als alleiniges Absetzkriterium ist es unzureichend.

Das Körpergewicht und die Körpergröße des Kalbes geben Aufschluss darüber, wie gut es bisher gefüttert wurde. Die Starteraufnahme zeigt hingegen, ob das Kalb bereit ist, ohne Milch weiterzuwachsen.

Kumulative Strategie (30 kg Starter / 21 Tage)

Für die Entwicklung der Pansenschleimhaut ist ein chemischer Reiz durch Fermentationsprodukte wie Buttersäure erforderlich. Dieser muss über einen Zeitraum von mindestens 21 Tagen kontinuierlich einwirken. Ein Kalb, das erst kurz vor dem Absetzen nennenswerte Mengen an Starterfutter frisst, hat diese Zeitspanne nicht durchlaufen. Es wird nach dem Absetzen einen massiven Wachstumseinbruch erleiden.

Wie die Fütterung die Fettsäuren im Pansen beeinflusst

Die Konzentration der flüchtigen Fettsäuren (FFS) in der Pansenflüssigkeit hat entscheidende Auswirkungen auf die Ernährung und den Stoffwechsel von Wiederkäuern. Die drei wichtigsten dieser Säuren sind Essigsäure, Propionsäure und Buttersäure.

Ihre Anteile hängen stark von der Art der Fütterung ab:

Bei raufutterreicher Ernährung: Das typische Verhältnis von Essig-, Propion- und Buttersäure liegt bei 70 : 20 : 10.

Bei getreide- bzw. stärkereicher Ernährung: Das Verhältnis verschiebt sich auf etwa 60 : 30 : 10 (der Anteil der Propionsäure steigt auf Kosten der Essigsäure).

Relativanteile im Vergleich zu absolute Mengen: Warum die Gesamtproduktion entscheidend ist.

Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Zahlen nur das Verhältnis der Säuren zueinander darstellen. Bei einer stärkehaltigen Ernährung ist die Gesamtmenge der produzierten Fettsäuren in der Regel deutlich höher als bei einer raufutterreichen Ration.

Das bedeutet in der Praxis: Selbst wenn der prozentuale Anteil der Essigsäure bei einer getreidereichen Fütterung sinkt – beispielsweise von 70 % auf 60 % –, kann die absolute Menge der produzierten Essigsäure dennoch höher sein, da die FFS-Produktion insgesamt stark ansteigt. Bei stärkehaltiger Ernährung steigt hingegen sowohl die Menge als auch der Anteil an Propionsäure.

Relativanteile im Vergleich zu absoluten Mengen

Die Größe der Kreise spiegelt die Gesamtproduktion an flüchtigen Fettsäuren wider – bei kraftfutterreicher Fütterung ist sie deutlich höher.

Raufutterreich

70 : 20 : 10

Kraftfutterreich

60 : 30 : 10

Obwohl der Anteil der Essigsäure bei kraftfutterreicher Fütterung sinkt, kann ihre absolute Menge dennoch höher sein, da die Gesamtproduktion stark ansteigt.

Wissenschaftliche Erkenntnisse kompakt zusammengefasst (nach Welk et al. 2024 & Costa et al. 2016)

Wie sollten wir Aufzuchtkälber absetzen?

44 Studien im direkten Vergleich Nutzen Sie unsere interaktiven Diagramme, um die Auswirkungen von Absetzalter, Absetzdauer und Gruppenhaltung zu bewerten.

Interaktiver Vergleich

Drei Strategien im direkten Vergleich

Die Balken zeigen Ihnen auf einen Blick, ob die Studien einen positiven, neutralen oder negativen Effekt belegen. Wählen Sie einfach die verschiedenen Methoden aus, um zu sehen, wie sicher die Ergebnisse jeweils sind.

Negativ
Kein Effekt
Positiv
Späteres oder früheres Absetzen
Quelle: Welk et al. 2024
Gesamtbild

Die Gewichtung der Fakten

Bei allen drei Strategien zeigt sich ein konsistentes Muster: Die Wachstumsparameter entwickeln sich positiv, während die Starteraufnahme komplexer ausfällt, insbesondere bei einem späteren Absetzalter.

Praxisempfehlungen

Welche Auswirkungen hat das auf den Betrieb?

📈

Absetzen nach acht Wochen.

Höhere Zunahmen durch späteres Absetzen: Studien empfehlen den Zeitpunkt nach acht Wochen, sofern täglich mehr als sechs Liter Milch getränkt werden.

Über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen stufenweise.

Das Absetzen über mindestens zwei Wochen zu strecken, fördert die Aufnahme von Kälberstarter und verhindert Wachstumseinbrüche. Eine kostengünstige Lösung, die sich direkt im Stall umsetzen lässt.

👥

Paar- oder Kleingruppenhaltung

Es ist belegt, dass Kälber in Gruppen mehr fressen, schwerer werden und ein besseres Lernverhalten zeigen. Solange die Gruppen nicht größer als acht Tiere sind, bleibt das Krankheitsrisiko gering.

💧

Wasser ab dem ersten Tag

Die Daten belegen einen klaren Zusammenhang: Pro Liter Wasser fressen die Kälber zusätzlich 0,24 kg Starterfutter. Ein früher Wasserzugang ist daher entscheidend für einen stressfreien Futterwechsel.

Optimale Aufnahme von Kälberstarter

Alter, Woche Starteraufnahme, kg/Tag Starteraufnahme, kg/Woche
1 Spuren Spuren
2 0,10 0,70
3 0,34 2,38
4 0,57 3,99
5 0,79 5,53
6 1,00 7,00
7 (Abendtränke weglassen) 1,60 11,20
8 (Keine Milch) 2,50 17,50
9 2,70 18,90
Durchschnitt 1,20 67,20
Physiologische Veränderungen während des Absetzens
Indikator Präruminant Wiederkäuer
Sozial/Verhalten
Fressverhalten Saugen Kauen/Wiederkäuen
Schlundrinne Funktionsfähig Nicht funktionsfähig
Leberenzyme Glykolytisch/ketogen Glukoneogenetisch
Substrat/Futter Kolostrum, Milch, Wasser Wasser, Starter
Bakterielles Protein <30% des Gesamten zum Labmagen >50%
Pansenmerkmale
Papillen Kurz, schmal Länger, breiter
Muskulatur Gering Zunehmend
Volumen Gering Zunehmend
Blutmetaboliten
Energiequelle Glukose Flüchtige Fettsäuren
β-Hydroxybutyrate (BHBA) Gering Zunehmend
Euterentwicklung Reagiert stärker auf hohes Protein Reagiert weniger auf hohes Protein

Wie bestimmen Landwirte den optimalen Zeitpunkt für das Absetzen ihrer Kälber?

Während die Wissenschaft eine Kombination aus Alter, Gewicht und der Aufnahme fester Nahrung empfiehlt, um ein Energiedefizit nach dem Absetzen zu vermeiden, zeigt die Studie von Mahendran et al. (2022) ein anderes Bild der Praxis.

In einer Umfrage unter britischen Milchviehhaltern wurde deutlich, dass die Entscheidung zum Absetzen oft auf sehr unterschiedlichen Prioritäten basiert. Besonders auffällig: In der Untersuchung gab es keinen einzigen Landwirt, der alle drei wissenschaftlich empfohlenen Kriterien gleichzeitig berücksichtigte.

Quelle: Mahendran, S, D. C. Wathes, R. E. Booth, and N. Blackie. 2022. A survey of calf management practices and farmer perceptions of calf housing in UK dairy herds. J. Dairy Sci., 105: 409-423.

Absetzkriterien in britischen Milchviehbetrieben

Die drei Hauptkriterien im Einzelnen

  • Alter: 25,9 % (50 Landwirte) nutzen allein das Alter als Entscheidungsgrundlage. Insgesamt gaben 31,0 % der Landwirte an, das Alter als Faktor zu berücksichtigen. Dabei lag die Spanne zwischen sechs und zwölf Lebenswochen.
  • Gewicht: 20,7 % (40 Landwirte) nutzen ausschließlich das Gewicht. Insgesamt nannten 31,9 % das Gewicht als Faktor. Ein wichtiges Ziel war dabei oft die Verdoppelung des Geburtsgewichts bis zum Absetzen. Problematisch ist jedoch, dass 21,7 % der Landwirte, die das Gewicht als Kriterium angaben, ihre Kälber gar nicht wogen, sondern sich auf rein visuelle Schätzungen verließen. Diese können einer Studie zufolge sehr ungenau sein.
  • Kraftfutteraufnahme Dies ist das am häufigsten genutzte Einzelkriterium. 33,2 % (64 Landwirte) verlassen sich ausschließlich auf die Menge des festen Futters, das ein Kalb frisst. Insgesamt nutzen 44,4 % der Befragten diesen Faktor. Die angestrebte Menge lag dabei meist zwischen 1 und 4 kg pro Tag, wobei das häufigste Ziel bei 2 kg pro Tag lag. Die Autoren der Studie merken jedoch kritisch an, dass bei Kälbern in Gruppenhaltung unklar bleibt, wie Landwirte die individuelle Futteraufnahme präzise bestimmen können.

Kombinationen von Kriterien

Um eine fundiertere Entscheidung zu treffen, kombinieren viele Landwirte zwei dieser Faktoren miteinander.

  • Gewicht & Kraftfutteraufnahme: 11,4 % (22 Landwirte)
  • Alter & Kraftfutteraufnahme: 5,2 % (10 Landwirte)
  • Alter & Gewicht: 3,6 % (7 Landwirte)

Besondere Erkenntnis

Das Mengendiagramm verdeutlicht eine bemerkenswerte Tatsache: Es gibt keinen Landwirt, der alle drei Kriterien – Alter, Gewicht und Kraftfutteraufnahme – gleichzeitig berücksichtigt, um den optimalen Zeitpunkt für das Absetzen zu ermitteln.

Zusammenfassend verdeutlicht das Mengendiagramm, dass die Entscheidung zum Absetzen in der Praxis oft auf sehr unterschiedlichen Prioritäten basiert. Während die Wissenschaft eine Kombination aus Alter und ausreichender Aufnahme fester Nahrung empfiehlt, um das Energiedefizit nach dem Wegfall der Milch auszugleichen, wird in der Praxis häufig nur einer dieser Faktoren berücksichtigt.