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Worauf Milchviehhalter achten

Pansenentwicklung beim Kalb

Dr. agr. Ugur Kalayci

Willkommen auf meiner neuen Website für Milchviehhalter! Aktuell sehen Sie eine Vorschau. Die vollständigen Inhalte und Funktionen folgen in Kürze.

Kalb
Färse
Kuh

Das Ziel: Die Aufzucht – vom Kalb über die Färse bis hin zur Kuh – soll effizient und wirtschaftlich erfolgen. Dabei wird besonderer Wert auf das Wohlergehen der Tiere gelegt.

Warum ist die Pansenentwicklung beim Kalb so wichtig?

Ein neugeborenes Kalb ist zwar als Wiederkäuer geboren, funktioniert aber zunächst wie ein Tier mit nur einem Magen. Pansen, Netzmagen und Blättermagen sind bei der Geburt zwar angelegt, aber noch nicht arbeitsfähig. Der Labmagen übernimmt die gesamte Verdauungsarbeit – genau wie bei einem Schwein.

Das Ziel der Kälberaufzucht ist es, dieses Kalb in einen funktionierenden Wiederkäuer zu verwandeln. Je besser und früher das gelingt, desto gesünder, leistungsfähiger und wirtschaftlicher wird das Tier. Die Pansenentwicklung ist dabei der entscheidende Schlüssel.

Verteilung des Wachstums von der Geburt bis zur ersten Kalbung

Holstein-Färsen: Verteilung von Widerristhöhe und Körpergewicht über 24 Monate

Die alleinige Erfassung des Gewichts ist kein verlässlicher Indikator für die Entwicklung von Kälbern und Färsen. Die Entwicklung der Körpergröße ist ebenso wichtig, wenn nicht sogar entscheidender.

Das größte Potenzial für eine Zunahme der Körpergröße haben Färsen in den ersten sechs Lebensmonaten. Die Entwicklung des Pansens in diesem Stadium ist ein äußerst wichtiger Prozessschritt.

Wenn der Pansen nicht ausreichend entwickelt ist und seine Fähigkeit, Nährstoffe zu vergären und aufzunehmen, nicht dem Normalzustand entspricht, ist es später schwierig, diesen Rückstand aufzuholen.

In den ersten sechs Lebensmonaten werden die Weichen gestellt:

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der gesamten Körpergrößenzunahme

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der gesamten Gewichtszunahme

Widerristhöhe
74 cm (Geburt) → 138 cm (24 Mo.)
50 % 0–6 Mo.
25 % 7–12 Mo.
25 % 13–24 Mo.
0–6 Monate +30 cm · Hälfte des gesamten Höhenwachstums
7–12 Monate +18 cm · Wachstumsrate verlangsamt sich
13–24 Monate +16 cm · Letzte Phase bis zur Kalbung
Körpergewicht
40 kg (Geburt) → 611 kg (24 Mo.)
25 % 0–6 Mo.
25 % 6–12 Mo.
50 % 13–24 Mo.
0–6 Monate +137 kg · Höchste relative Tageszunahme
6–12 Monate +150 kg · Lineare Zunahme ~0,9 kg/Tag
13–24 Monate +284 kg · Höchster Gesamtzuwachs, aber teuerster pro kg

In den ersten sechs Lebensmonaten findet das strukturelle Wachstum seinen Höhepunkt. In dieser Zeit erreichen Kälber die höchste Futterverwertung ihres gesamten Lebens. Jeder Euro, der in dieser Phase in eine intensive Tränkephase und in hochwertiges Starterfutter investiert wird, zahlt sich später aus. Das Resultat ist ein niedrigeres Erstkalbealter (was Aufzuchtkosten spart) und eine höhere Lebensleistung.

Quelle: Kertz, A. F., Barton, B. A. & Reutzel, L. F., 1998. Relative Efficiencies of Wither Height and Body Weight Increase from Birth Until First Calving in Holstein Cattle. J. Dairy Sci. 81:1479–1482.

Der Wechsel der Energie- und Nährstoffquelle

In den ersten Lebenswochen gewinnt das Kalb seine Energie vorwiegend aus Milchzucker und Milchfett. Diese werden im Labmagen und im Dünndarm enzymatisch verdaut. Während dieser Phase funktioniert das Kalb physiologisch noch weitgehend wie ein Monogastrier, da seine Vormägen kaum entwickelt sind. Erst im Verlauf der ersten Lebenswochen entwickelt sich die Fähigkeit zur Fettverdauung vollständig, unter anderem durch den Aufbau der Produktion von Pankreaslipase.

Mit der Aufnahme von Festfutter und mit zunehmendem Alter beginnt sich das Vormagensystem zu entwickeln. Gleichzeitig nimmt die Aktivität des Enzyms Laktase im Dünndarm allmählich ab. Dadurch sinkt die Bedeutung der intestinalen Verdauung von Milchbestandteilen gegenüber der mikrobiellen Fermentation im Pansen.

Im Zuge dieser Entwicklung verlagert sich die Energiegewinnung schrittweise von der enzymatischen Verdauung im Dünndarm zur mikrobiellen Fermentation im Pansen. Beim ausgewachsenen Wiederkäuer fermentieren Mikroorganismen das aufgenommene Rau- und Kraftfutter im Pansen. Dabei entstehen vor allem Essigsäure, Propionsäure und Buttersäure, also flüchtige Fettsäuren, die die Hauptenergiequelle der Tiere darstellen.

Für die Praxis bedeutet dies:

  • Ein früher Zugang zu Kraftfutter (Starter) ab der ersten Lebenswoche fördert die mikrobielle Besiedlung des Pansens und unterstützt somit die Entwicklung des Vormagensystems.
  • Beim mikrobiellen Abbau der im Starter enthaltenen Stärke entstehen flüchtige Fettsäuren, darunter insbesondere Buttersäure. Diese stimuliert die Entwicklung der Pansenpapillen. Die vergrößerten Papillen vergrößern die Resorptionsoberfläche der Pansenwand, sodass die gebildeten Fettsäuren effizient als zentrale Energiequelle aufgenommen werden können.
  • Für diese Entwicklung reicht Raufutter (z. B. Heu oder Stroh) allein jedoch nicht aus. Bei dessen Fermentation entsteht überwiegend Essigsäure, die die Pansenpapillen deutlich weniger stimuliert als die beim Abbau von Stärke entstehende Buttersäure.
  • Dennoch erfüllt Raufutter eine wichtige Funktion für die strukturelle und funktionelle Entwicklung des Pansens: Die enthaltenen Fasern fördern den muskulären Aufbau der Pansenwand und der Pansenpfeiler. Zudem regen sie die Pansenmotilität und die Wiederkauaktivität an. Diese mechanischen Reize sind entscheidend für die Durchmischung des Panseninhalts und den Abtransport der bei der Fermentation entstehenden Gase.
  • Für eine optimale Entwicklung des Vormagensystems ist eine Kombination aus energiereichem Starterfutter zur Förderung der Papillenentwicklung und strukturreichem Raufutter zur Unterstützung der Pansenaktivität erforderlich.
Den Absetzknick vermeiden

Als „Absetzknick" wird der Leistungseinbruch bezeichnet, der häufig nach dem Absetzen von der Milch auftritt. Das Kalb verliert dadurch seine leicht verfügbare Energiequelle, den Milchzucker. Wenn der Pansen zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausreichend entwickelt ist, kann das Tier die Lücke nicht schließen.

Typische Folgen eines schlecht vorbereiteten Absetzens sind:

  • Einbruch der täglichen Zunahmen,
  • erhöhte Krankheitsanfälligkeit durch Energiemangel,
  • Wachstumsverzögerungen, die sich über Wochen hinziehen.

Entscheidend ist nicht das Alter des Kalbes, sondern die Menge an Festfutter, die es vor dem Absetzen zuverlässig aufnimmt.

Prägung in den ersten Lebenswochen

Die Forschung zeigt immer deutlicher, dass die Nährstoffversorgung in den ersten Lebenswochen die spätere Leistungsfähigkeit eines Tieres nachhaltig beeinflusst. In diesem Zusammenhang sprechen Fachleute von „metabolischer Programmierung".

Frühe Unterschiede in der Fütterung können über sogenannte epigenetische Mechanismen die Aktivität bestimmter Gene verändern, ohne die DNA selbst zu modifizieren. Diese Veränderungen können ein Leben lang bestehen bleiben.

Wissenschaftliche Studien belegen:

  • Kälber, die vor dem Absetzen eine hohe Starteraufnahme zeigen, weisen höhere tägliche Zunahmen auf.
  • Diese Wachstumsvorteile im Kälberalter sind wiederum darauf zurückzuführen, dass sich die Milchdrüse besser entwickelt und die Milchleistung in der ersten Laktation höher ist.
  • Eine gut entwickelte Pansenflora fördert langfristig die Futtereffizienz und die Stoffwechselstabilität.

Kurz gesagt: Was in den ersten Lebenswochen versäumt wird, lässt sich später kaum noch aufholen. Eine frühe Investition in die Pansenentwicklung ist somit eine Investition in die Lebensleistung des Tieres.

Die Phasen der Pansenentwicklung

In Bezug auf den Nährstoffbedarf des Kalbes werden drei Entwicklungsphasen der Verdauungsfunktion unterschieden:

  • die Tränkephase,
  • die Abtränkephase
  • die Wiederkäuerphase.
Schematische Darstellung der vier Wiederkäuermägen mit Proportionen in Prozent des Gesamtgewichts
Die Grafik der Wiederkäuermägen ist modifiziert nach Coleen M. Jones und Jud Heinrichs. Feeding the Newborn Dairy Calf. The Pennsylvania State University, 2025. Bei dieser Darstellung handelt es sich um eine schematische Abbildung der Proportionen der einzelnen Magenabteilungen in Prozent des Gesamtgewichts. Es ist keine maßstabsgetreue anatomische Studie.

6 Säulen der Pansenentwicklung

In der Kälberaufzucht galt lange Zeit die einfache Formel: „Milch weg, Getreide rein, Heu vermeiden“. Heute wissen wir, dass diese Sichtweise zu kurz greift.

Die Forschung der letzten 20 Jahre hat unser Verständnis revolutioniert. So ist der Pansen nicht nur ein Muskel, der trainiert werden muss, sondern ein komplexes Ökosystem, das metabolisch und mikrobiell „programmiert“ werden muss. Für die Entwicklung des Pansens gibt es sechs Voraussetzungen:

01 Die mikrobielle Erstbesiedelung

Früher nahm man an, der Pansen sei bei der Geburt steril und werde zufällig besiedelt. Heute wissen wir, dass die mikrobielle Erstbesiedelung nach einem festen Muster abläuft: Bestimmte Mikroorganismen siedeln sich zuerst an und bereiten den Weg für die nächsten – ein geordneter Prozess, der bereits in den ersten Lebenstagen beginnt, womöglich sogar schon vor der Geburt.

Der neue Ansatz: Das Kalb wird heute nicht mehr als eigenständiges Tier betrachtet, sondern als Lebensgemeinschaft aus Tier und Mikroben – beide untrennbar miteinander verbunden und aufeinander angewiesen. Dabei ist die Erstbesiedelung entscheidend: Die ersten Bakterien, die sich im Pansen ansiedeln, sichern sich einen dauerhaften Startvorteil gegenüber später kommenden Mikroben und prägen damit, wie effizient das Tier später Futter verwertet.

Konsequenzen für die Praxis: Nicht Sterilität ist das Ziel, sondern die richtige Vielfalt. Methoden wie der intensive Mutterkontakt (Lecken, Speichel), hochwertiges Kolostrum und sogar die Gabe von frischem Pansensaft älterer Tiere haben sich bewährt, um das Mikrobiom früh zu stabilisieren und Durchfall zu vermeiden.

02 Buttersäure als Signalmolekül: Epigenetik statt nur Energie

Dass die Fermentation von Stärke (Kraftfutter) zu Buttersäure führt und dies das Wachstum der Pansenzotten anregt, ist seit Jahrzehnten bekannt. Neu ist heute das Verständnis des „Wie“: Wir wissen nun, dass Buttersäure weit mehr ist als nur ein Energielieferant.

Buttersäure wirkt tief in den Zellen der Pansenwand: Es greift direkt in den Zellkern ein und legt dort Gene frei, die sonst inaktiv wären. Dadurch werden gezielt Prozesse angestoßen, die das Zellwachstum und den Nährstofftransport deutlich beschleunigen.

Stärke als Auslöser: Ohne leicht fermentierbare Kohlenhydrate wie Getreide fehlt dieser Anstoß. Reine Milchfütterung oder ausschließliche Heugabe können diese Entwicklung nicht in Gang setzen – das Potenzial für das Zottenwachstum bliebe ungenutzt.

03 Struktur schafft Gesundheit

Das lange geltende Dogma „Kein Heu vor dem Absetzen“ – aus Angst vor dem sogenannten „Heubauch“ – ist heute überholt. Neuere Studien haben diesen Mythos widerlegt und die Rolle von Raufutter neu definiert.

Die 5%-Regel: Die Arbeitsteilung im Pansen ist präzise: Während Stärke (Kraftfutter) den Wachstumsimpuls für die Zotten liefert, ist eine kleine Menge physikalisch effektiver Faser entscheidend für die Integrität der Pansenwand. Ideal sind etwa 5–10 % der Ration, kurz gehäckselt auf 2–4 cm Länge.

Der Schutzmechanismus: Ohne Struktur verkleben die empfindlichen Zotten (Parakeratose), was die Nährstoffaufnahme blockiert. Faser verhindert dies durch mechanischen Reiz („Rubbeleffekt“) und trainiert die Pansenmuskulatur. Noch entscheidender ist jedoch der zelluläre Effekt: Faser fördert die Bildung von Transporter-Proteinen (wie MCT1). Diese pumpen überschüssige Säuren aktiv aus den Zellen und verhindern so eine lokale Übersäuerung.

Fazit: Futter ohne Struktur (reine Pellets) führt oft zu einem „sauren“, durchlässigen Pansen. Ein gezielter Faseranteil hingegen macht die Pansenwand robust und widerstandsfähig.

04 Wasser: Der unterschätzte Katalysator

Auch im Jahr 2026 bleibt Wasser der am häufigsten vernachlässigte „Nährstoff“ in der Kälberaufzucht. Neuere Studien belegen eindeutig: Wasser ist nicht optional, sondern der Treibstoff der Pansenentwicklung.

Osmolarität und Gärung: Da Milch über den Haubenrinnenreflex (früher Schlundrinnenreflex) direkt in den Labmagen fließt, gelangt sie nicht in den Pansen. Ohne separates, freies Wasser bleibt der Pansen trocken – und Bakterien brauchen ein flüssiges Milieu, um zu überleben und zu fermentieren. Dabei gilt eine einfache Faustregel: Pro Kilogramm Kraftfutter trinken Kälber etwa vier Liter Wasser. Wer die Wasserversorgung einschränkt, begrenzt damit automatisch auch die Futteraufnahme.

Der Langzeit-Effekt: Wasser ab Tag 1 ist eine Investition in die Zukunft. Kälber, die sofort Zugang zu frischem Wasser haben, zeigen später eine signifikant bessere Verdaulichkeit von Rohfaser (NDF) und eine höhere Futtereffizienz nach dem Absetzen. Das Wasser bereitet das bakterielle Ökosystem darauf vor, später auch schwer verdauliche Futterkomponenten aufzuschließen.

05 Die schrittweise Milchreduzierung

Entwöhnung als Stoffwechsel-Training: Entwöhnung als Stoffwechsel-Training: Bei modernen Tränkeplänen mit hohen Mengen (über 8 Liter) wäre ein abruptes Absetzen fatal. Deshalb wird die Milchmenge über 2–3 Wochen schrittweise reduziert. Durch die allmähliche Reduktion steigt der Hunger auf Festfutter ganz von selbst – das Kalb fängt an, mehr zu fressen. Ziel ist es, dass der Pansen vor dem vollständigen Milchentzug bereits genug Stärke verarbeitet hat. Nur so hat die Leber genug Zeit, sich umzustellen – von der Energie aus der Milch auf die Energie aus dem Pansen.

06 Sozialverhalten

Die Pansenentwicklung ist nicht nur eine Frage der Physiologie, sondern auch der Verhaltensbiologie. Wir wissen heute: Ein Kalb frisst nicht nur, weil es Hunger hat, sondern auch, weil es lernt.

Soziales Lernen: Kälber sind keine Einzelgänger. Einzelhaltung bremst die frühe Futteraufnahme spürbar. In Paar- oder Gruppenhaltung dagegen lernen Kälber durch Nachahmung und gegenseitigen Futterneid deutlich früher und fressen von Anfang an größere Mengen Starter. Gleichzeitig sinkt in der Gruppe die angeborene Scheu vor unbekanntem Futter.

Zusammenfassung für die Praxis 2026

Eine erfolgreiche Pansenentwicklung erfordert weit mehr als nur einen Sack Kraftfutter. Sie verlangt, dass mehrere Faktoren zusammenspielen: die frühe mikrobielle Besiedelung, der Wachstumsimpuls durch Stärke, ausreichend Wasser und effektive Faser sowie das soziale Lernen in der Gruppe.

Wer diese Faktoren von Anfang an im Blick hat, legt den Grundstein für gesunde, leistungsfähige Kühe – nicht erst ab dem ersten Melktag, sondern ab dem ersten Lebenstag.